Die Präsenz: Wo zwei oder drei…

von Unbekannt

Die Gruppenbildungsfunktion in den sozialen Netzwerken ist eine der fundamentalsten Funktionen. Jeder Nutzer kann frei Gruppen gründen und sich Gruppen anschließen. Entgegen der Vermutung, dass es nur belanglose Inhalte in den sozialen Netzwerken gäbe, bestechen die sozialen Netzwerke mit vielen wichtigen und auch religiösen Themen. Diese sind so vielfältig und bunt wie das Leben selbst. Viele Gruppen sind einfach Spaßgruppen, die eigentlich keinen tieferen Sinn erfüllen. Dazu zählt zum Beispiel die Gruppe „Ich bin nicht Deutschland und auch kein Baum“. Es gibt einige Gruppen die sich zu aktuellen Ereignissen bilden, wie etwa nach dem Amoklauf von Winnenden. Auch real bestehende Gruppen werden in den sozialen Netzwerken abgebildet. Und spätestens hier wird es für die Kirchen interessant.

So sind zum Beispiel einige Messdienergruppen, Firmgruppen, Jugendgruppen etc. in den sozialen Netzwerken zu finden. Und auch bei den Themengruppen finden sich viele explizit Religiöse und noch mehr Themengruppen die einen mehr oder weniger losen religiösen Bezug haben, wie zum Beispiel die Gruppe „Trauer und Tränen für die Menschen, die wir verloren haben“ in StudiVZ, die sich mit Trauer und Schmerz beschäftigt und fast 2000 Mitglieder hat.

Welche Funktion erfüllen nun diese Gruppen? Zunächst einmal erscheint jede Gruppe in der ich Mitglied bin in meinem Profil. Jeder kann also sehen in welchen Gruppen ich Mitglied bin. Dies hat einfach die Funktion eines Commitments, eines Ausdruckes der Befürwortung dieser Gruppe. Die Gruppen können offen oder geschlossen sein, dass heißt in einer geschlossenen Gruppe können nur die Mitglieder die Beiträge lesen während in einer offenen Gruppe jeder die Beiträge im Forum lesen kann. Wer Mitglied einer Gruppe wird, wird meist auf zweierlei Art und Weise entschieden: Entweder der Gruppengründer oder ein von ihm bestimmtes Gruppenmitglied (das dann meist Moderator genannt wird) entscheidet über den Gruppenmitgliedsantrag. Meist aber wird der Gruppenmitgliedsantrag ohne Überprüfung automatisch umgehend freigeschaltet.

Ist man Mitglied einer Gruppe geworden, dann kann man innerhalb der Gruppe meist besondere Funktionen nutzen, wie etwa ein Forum, in dem jedes Gruppenmitglied etwas schreiben kann. Dies ist vor allem für die Absprache von Termine etc. eine praktische Sachen und wird von einigen Gruppen genutzt, die auch real miteinander in Kontakt stehen. In anderen Gruppen wie zum Beispiel der Trauergruppe wird sich auch über tiefergehende Meinungen und Erfahrungen ausgetauscht.

Die wachsende Bedeutung der sozialen Netzwerke haben längst auch die Firmen erkannt. Ein bekanntes Beispiel ist die Firma Unilever, die das Eis Nogger Choc herstellte. Nachdem die Firma das Eis aus dem Programm herausgenommen hatte, bildete sich in StudiVZ eine Gruppe der „Nogger-Choc-Vermisser“. Diese umfasste schnell einige tausend Mitglieder. Wegen der eingehenden Emails, Anrufe, Briefe, aber auch aufgrund der StudiVZ Gruppe wurde das Eis wiedereingeführt. Ein anderes Beispiel, dass zeigt, welche Bedeutung die sozialen Netzwerke bereits haben ist die Firma Ernst&Young. Diese hat in dem sozialen Netzwerk Facebook eine eigene Seite angelegt und bereits um die 30.000 sog. Fans in dem sozialen Netzwerk gefunden. Interessierte Studenten können sich in Facebook bei Ernst&Young bewerben und Fragen zu späteren Jobs in der Firma stellen. Die Mitarbeiter geben öffentlich einsehbar in Facebook Antworten, so dass auch die anderen Nutzer, die nur mal reinschauen, davon profitieren.

Die sozialen Netzwerke stellen öffentlich Räume dar, in denen vor allem die jüngeren Internetnutzer einen nicht unerheblichen Teil Ihrer Online-Zeit verbringen. Es sind gleichsam die Areopagi der modernen Mediengesellschaft. Und wie ist die Kirche dort präsent? Nun, sie ist präsent. Und das gleich mehrfach: Zum einen, indem die Themen, welche für die Kirche zentral sind, in Gruppen wie der Gruppe „Beten Hilft!“ oder der Gruppe für den orthodox-katholischen Dialog „Katholisch-orthodoxe Freundschaft“ präsent sind. Zum anderen gibt es Fan-gruppen. Das können Gruppen sein, die sich zum Beispiel um ein Bistum gründen, wie zum Beispiel die Gruppe „Bistum Limburg“ um das Bistum Limburg. Es können aber auch Gruppen sein bzgl. des Glaubens, wie etwa „Weihnachtsmann? Nein danke! Wir glauben ans Christkind“.

Es sind zum großen Teil auch Gruppen, die in der realen Welt bereits bestanden und nun ihr Pendant in den sozialen Netzwerken finden. Dazu zählen Jugendgruppen, Messdienergruppen und andere kirchlich angebundene real existierende Gruppen. Es fällt auf, dass es sich bei einem Großteil dieser Gruppen um Privatgründungen handelt. Das ist typischerweise der Obermessdiener, der in SchuelerVZ oder einem anderen sozialen Netzwerk eine Gruppe für seine Messdienerkollegen anlegt. Das ist etwa Ludwig, der sich schon im Studium dachte, dass ein Dialog zwischen der Orthodoxie und dem Christentum nicht nur fruchtbar sondern auch dringend nötig sei und daraufhin die Gruppe „Katholisch-orthodoxe Freundschaft“ in StudiVZ gründete. Sie hat mittlerweile 711 Mitglieder – Tendenz steigend. Diese Personen hätten sich ohne die Unterstützung der sozialen Netzwerke kaum zusammengefunden. Nun bilden Sie eine Gruppe sind vernetzt, können gemeinsam mehr erreichen als alleine oder in kleinen Gruppen.

Man kann resümieren, dass die Kirche in all Ihren Facetten präsent ist. Kirche ist präsent in der Vielzahl der engagierten Christen, sowohl Laien als auch Klerikern. Theologisch gesehen ermöglichen die sozialen Netzwerke das allgemeine Priestertum der Gläubigen konkret zu gestalten. (Dazu wird es einen ausführlichen Artikel im nächsten Monatsthema Oktober 2009 geben). Das Neue an den sozialen Netzwerken ist, dass der Inhalt gänzlich von den Nutzern geschaffen wird. Es gibt keine Redaktion im eigentlichen Sinne, die eine Auswahl der präsentierten Themen vornehmen würde.

Von Nutzern generierter Inhalt gab es bereits am Beginn im Internet. Neu ist, dass dieser Inhalt nun an Personen gebunden ist und auch in deren sozialer Netzstruktur untereinander einordbar geworden ist. Der gesamte Inhalt der sozialen Netzwerke besteht aus Profilen, dass sind die Informationen, die der Einzelne zur Verfügung stellt und aus den Gruppeninformationen, dass sind die Informationen, die Einzelnen unter einem gemeinsamen Dach (der Gruppe) zusammentragen. In einem religiösen Sinn besteht der Inhalt aus persönlichen Glaubenszeugnissen. Wenn jemand auch in sozialen Netzwerken Mitglied einer religiösen Gruppe ist wie bspw. der Messdienergruppe Oberschwabingen, dann drückt er damit aus, dass diese Gruppe einen so großen Wert für ihn hat, dass er es öffentlich kundtut. Dies ist nichts prinzipiell Neues – und genau darin liegt der Reiz der sozialen Netzwerke: Mund-zu-Mund Progaganda, Kunden-empfehlen-Kunden oder neudeutsch „Virales Marketing“. Für die Kirche, die auf dem Fundament des persönlichen Glaubenszeugnisses ruht, ist es geradezu fundamental: Das persönliche Bekenntnis, Martyria.

Die Messdienergruppe wird dadurch wahrgenommen, dass sie in den sozialen Netzwerken präsent ist, dass es dort Personen gibt, die sich öffentlich als Mitglied dieser Gruppe zu erkennen geben und sie dadurch für andere interessant machen. Denn das Grundprinzip der Attraktivität sozialer Netzwerke ist gleich, egal ob offline oder online. Das neue bei den sozialen Netzwerken im Internet ist allerdings, dass es in einem großen, stark frequentierten öffentlichen Raum geschieht. Ein Raum, der durch UMTS, HSPDA und mobile internetfähige Geräte immer mehr Einzug erhält in unseren Lebensalltag. Weil es eben für uns auf einer basalen anthropologischen Ebene so interessant ist, zu erfahren, was andere denken, wie sie handeln und wie sie die Welt sehen, haben die sozialen Netzwerke einen so großen Erfolg.

Ist der Wirkungskreis in der Offline Welt sehr begrenzt auf die persönlichen Kontakte oder das Hören-Sagen, so ist das online anders: Es gibt keine Grenzen für eine Botschaft und auch kein eingegrenztes Publikum. Und eben auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, ausgedrückt durch die Mitgliedschaft in einer Gruppe in einem sozialen Netzwerk ist eine Botschaft: „Schaut her, es gibt die Gruppe und es lohnt sich mitzumachen – ich weiß es aus eigener Erfahrung, ich stehe dafür mit  meiner Person“. Von daher tut die Kirche gut daran, diese sozialen Netzwerke aktiv zu nutzen. Und auch die Themen, die in der Seelsorge vorkommen, werden in den sozialen Netzwerken behandelt. So bietet die Gruppe „Trauer um einen verlorenen Menschen“ sicher viel Kontakt zu Personen mit ähnlichen Schicksal. Sie können als Kontaktinstrument dienen, um Personen untereinander ins Gespräch zu bringen. Das ersetzt nicht den klassischen Dialog mit einem fachkompetenten Seelsorger, bietet aber beiden Seiten weitergehende entlastende Möglichkeiten.

Fazit: Kirche und die Fragen der Seelsorge sind genuiner Bestandteil der sozialen Netzwerke im Internet.

(Dieser Artikel wurde im September 2009 auf www.internetseelsorge.de veröffentlicht, ist dort aber derzeit nicht mehr Verfügbar.)

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