Quarantäne-Lösung: Der Sinnsucher-Podcast - FRISCHFISCHen

Quarantäne-Lösung: Der Sinnsucher-Podcast

von Klaus Nelißen

Spätestens seit Mitte März ist das Land im Ausnahmezustand. Auch wenn dieser (zumindest in NRW) nicht verhängt wurde: Das Corona-Virus hält die ganze Welt in Atem. Am zweiten Tag der Schulschließungen erhielt ich einen Anruf von Jürgen Wiebicke, dem Moderator des „Philosophischen Radio“ bei WDR5, der meistgehörten Philosophiesendung in Deutschland. Wir kennen uns aus den Zusammenhängen meiner Arbeit als stellvertretender katholischer Rundfunkbeauftragter beim WDR. 

Und während ich an diesem Tag noch dabei war, die anstehende Radioverkündigung umzuplanen, Beiträge neu einsprechen zu lassen und halbwegs Herr der Lage zu werden, hatte Jürgen Wiebicke eine Idee, die mir so einfach wie genial erschien: ein täglicher Podcast. Aus einer selbst gewählten Quarantäne heraus werden die großen Fragen behandelt, die aktuell auf der Hand liegen durch die disruptiven Herausforderungen von sozialer Vereinzelung, Unsicherheit und Unterbrechung der Alltagsroutinen. 

„Wir brauchen in dieser Zeit Vernetzung. Es verändert sich alles und wir müssen darüber sprechen, was das mit uns macht“, sagte Wiebicke. Und als er mir verriet, mit wem er sich den Podcast als Sparringspartner vorstellen könne, da wusste ich, dass ich mein Möglichstes dazu geben sollte, dass dieses Projekt ebenso zügig wie erfolgreich lanciert wird. Wiebicke plante nämlich, sich gemeinsam mit dem bekannten Kölner Armen-Pfarrer Franz Meurer in seinem Pfarrheim in Köln-Höhenberg in die philosophische Quarantäne zu begeben – frei nach dem Motto „Allein zu Haus“. 

Und so wurde der Sinnsucher-Podcast geboren. In dieser Protagonisten-Konstellation konnte wenig schief gehen: Wiebicke ist ein Meister des unterhaltsamen wie tiefschürfenden Diskurses und Franz Meurer kann mit seinem eigenen Esprit sowohl theologische Zusammenhänge als auch handfeste praktische Beispiele aus seinem Seelsorge-Alltag aus dem Ärmel schütteln. Da die beiden seit Jahren befreundet sind, wusste ich, dass dieses Duo funktioniert. Und ich sah die Chance, kirchliche wie theologische Zugänge zur Corona-Krise zu erschließen, jenseits der aufkeimenden Streams von Predigten und Impulsen. Eine diskursive Auseinandersetzung mit einem Philosophen barg für mich die Chance, zu Zielgruppen durchzudringen, die nicht gottesdienstlich bzw. kirchlich sozialisiert sind. 

Was konnte ich als Rundfunkbeauftragter nun zum Gelingen beitragen? Mir war seit dem ersten Telefonat klar, dass das Ermöglichen dieser Formatidee das Wichtigste sei. Und zwar in zwei Dimensionen: einerseits in der zeitnahen Schaffung einer technischen Infrastruktur, die das Senden aus dem Pfarrheim möglich macht, und andererseits in der Starthilfe rund um alles, was die Bewerbung und Einrichtung des Podcasts in den Sozialen Medien anbelangt. 

Diesen beiden Dimensionen gab ich Priorität und sorgte binnen zwei Tagen dafür, dass den beiden eine professionelle Hilfe zur Seite gestellt wurde. Denn obwohl Teile des technischen Equipments aus meiner Privatausstattung kamen, war mir klar, dass es eine zuverlässige und effiziente Begleitung im täglichen Erstellen des Podcasts brauchen würde, die ich aufgrund der aktuellen Krisensituation nicht hätte stemmen können. 

Über meine Kontakte in der Medienszene konnte ich jedoch vermitteln und so baute ich schon vier Tage nach dem ersten Telefonat mit einer jungen wie talentierten Studentin im Pfarrhaus von Pfarrer Meurer ein kleines Tonstudio auf – unter Berücksichtigung der aktuellen Sicherheitsstandards (Stichwort „Mindestabstand“). Die Mischung aus Provisorium (zum Schallschutz dienen Decken, die für Obdachlose bestimmt sind) und professionellem Equipment (die hochwertigen Mikrofone lieh ein befreundeter Mediendienstleister aus) schuf eine ebenso heimelige wie überraschend hervorragende Aufnahmesituation. Das Ergebnis war selbst für den sonst anspruchsvollen WDR „sendefähig“. Und so ging der Podcast, 5 Tage nach der ersten Idee, auf Sendung. 

Die Themen des Sinnsucher-Podcasts sind vielfältig, es geht um essentielle Fragen, um Gott und die Welt. Dabei haben die beiden Protagonisten schnell bemerkt, dass es wenig hilfreich ist, durch die Themen zu eilen, sondern jedem Aspekt der aktuellen Krise Raum zu geben. So diskutierten Wiebicke und Meurer in der ersten Woche fast ausschließlich über das Thema Angst – in allen philosophischen wie theologischen Dimensionen. Diese bewusste Verlangsamung des Diskurses scheint bei der Hörerschaft den tagesbegleitenden Zug des Podcasts in dieser Krise positiv zu verstärken. Täglich um 18 Uhr kann man sich die guten Gedanken für den Abend anhören.

Der Podcast kommt an, bereits nach den ersten Folgen sind schon über 60.000 Leute mit ihm in Berührung gekommen, Tendenz stark steigend. Das liegt daran, dass das einzige größere Investment beim Start dieses Podcasts gezielt in die Social-Media-Arbeit getätigt wurde. Nur mit Hilfe einer kleinen Agentur konnte das Marketing rasch gestartet werden: Die Plattform für den Podcast wurde eingerichtet, die Homepage erstellt, Facebookkampagnen wurden angefertigt und Newsletter verschickt. Mithilfe der Agentur bekam der Sinnsucher-Podcast einen Kanal auf Facebook, YouTube und Instagram – und das obwohl weder Pfarrer Meurer noch Jürgen Wiebicke dort vorher vertreten waren. Auch eine Medienpartnerschaft mit einer regionalen Tageszeitung hat die Reichweite noch einmal stark erhöht. 

Ich sehe das Projekt als Sinnbild dafür, was in diesen Zeiten wichtig ist: Starke Protagonisten stärken, indem sie schnellstmöglich einen professionellen Zugang zur Internet- und Podcast-Welt erhalten, der sie nicht überfordert, sondern ihren guten (analogen) Inhalten Resonanz im Digitalen verschafft. 

Die beiden Protagonisten freuen sich über jeden, der Interesse an dem Projekt hat und regelmäßig einschaltet! Ich selbst gehöre natürlich längst zu den Stammhörern. Und wer neugierig geworden ist: www.sinnsucher-podcast.de oder bei iTunes, Spotify oder Google-Podcasts abonnieren. 

Über Klaus Nelißen

Als stellvertretender Rundfunkbeauftrakter der NRW-Diözesen beim WDR verantwortet Klaus Nelißen die morgendliche Radioverkündigung auf den Wellen des WDR und ist hin und wieder fürs Fernsehen tätig. Nach seinem Studium der Theologie in Münster und Berkeley (USA) absolvierte er zunächst ein journalistisches Volontariat des ifp bei der Katholischen-Nachrichten-Agentur und durchlief im Anschluss die Ausbildung zum Pastoralreferenten für das Bistum Münster.