#speyer2015 – ein Bistum twittert sich in die Zukunft

von Unbekannt

Wer am vorletzten Wochenende aufmerksam die katholische Web-Welt des Bistums Speyer beobachtet hat, der konnte eine erhöhte Aktivität verschiedener Akteure feststellen. Es wurde getwittert, es gab Facebook-Diskussionen und Hinweise auf Kaffeepausen und liturgische Feiern. Einer der mit iPad und Notebook mehrere Twitter und Facebook-Accounts bedient hat ist Pfarrer Carsten Leinhäuser – zuständig für die Ministrantenpastoral und die Diözesanstelle Berufe und Kirche im Bistum Speyer. Wir haben ihn gefragt, was sich hinter dem Hashtag #speyer2015 versteckt und welche Chancen er als Priester in der Nutzung von Web 2.0 Diensten sieht.

FRISCHFISCHen: Wer aufmerksam Twitter und Facebook verfolgt hat am vorletzten Wochenende, der hat gemerkt im Bistum Speyer ging es richtig rund. Was war denn da los bei euch?

Carsten: Wir sind gerade in einem recht großen Umbruchprozess – ähnlich, wie fast alle deutschen Bistümer. Einer der Hauptpunkte besteht darin, dass es statt der derzeit 360 in Zukunft nur noch etwa 70 große Pfarreien geben wird. In den vergangen Monaten wurden Vorschläge zur neuen Struktur der Pfarreien gesammelt und in Speyer und vor Ort besprochen. Am Wochenende haben sich Vertreter/-innen der verschiedenen Arbeitsgruppen, des Katholikenrates und die Bistumsleitung getroffen, um ein „abschließendes“ Votum zu treffen. Dabei ging es neben den Strukturen vor allem auch um die große Frage, wie pastoral und Gemeindeleben in Zukunft aussehen kann. Mein Fazit in vier Worten: „Es wird sehr spannend!“

FRISCHFISCHen:  Euer Zukunftsprozess steht unter dem Titel „Gemeindepastoral 2015“ das klingt weit weg. Warum macht ihr euch jetzt schon Gedanken über das Jahr 2015?

Carsten: 2015 ist gar nicht mehr so weit weg – fünf Jahre vergehen rasend schnell. Statt zu warten, was kommt, nutzen wir diese fünf Jahre lieber und überlegen gemeinsam, welche Chancen es für die Zukunft der Kirche im Bistum Speyer gibt. Ich glaube, da ist eine Menge Kreativität gefragt – und wer Ideen spinnen will, braucht auch etwas Zeit dafür.

FRISCHFISCHen: Für aktive Internetnutzer mag es komisch klingen, aber ihr habt euch am vorletzten Wochenende beim „Diözesanen Forum“ im realen Leben getroffen, doch der Insider weiß auch, dass ihr ein richtiges Internet-Forum habt. Gab es am Anfang Bedenken, solch ein Forum von Seiten des Bistums einzurichten und wie wird das Forum eigentlich von den Menschen im Bistum Speyer angenommen?

Carsten: Das Internetforum war ein Wunsch verschiedener pastoraler Mitarbeiter/-innen. Bedenken hatten wir nur insofern, als es uns lieber wäre, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren, wenn es um ganz grundlegende Themen geht. Am Ende wurde das Internetforum auch recht wenig genutzt, weil die Leute vor Ort lieber das direkte Gespräch gesucht haben.

FRISCHFISCHen: In den letzten Tagen war einiges im Zusammenhang mit dem Hashtag #speyer2015 zu lesen und in Facebook ging es auch richtig zur Sache. Warum nutzt ihr diese neuen Medien in eurem Zukunftsprozess, es wäre doch sicher viel einfacher am Ende der Veranstaltung einfach nur eine Dokumentation auf die Bistumshomepage zu setzen?

Carsten: „Speyer 2015“ ist ein sehr tiefgreifender Prozess, der das gesamte Bistum und jede einzelne Pfarrei vor Ort betrifft. Da war es uns wichtig, möglichst offen und transparent in die Kommunikation einzusteigen. Beim diözesanen Forum konnten zwar nur geladene Gäste und Berater teilnehmen – aber gerade hier wollten wir zeigen, dass es nichts zu verbergen gibt. Die Möglichkeiten des Web 2.0 bieten da geniale Möglichkeiten der Kommunikation. Neben unserem Twitteraccount hat die Diözesanzeitung „Der Pilger“ z.B. so etwas wie einen Nachrichten-Live-Stream betrieben, wo man mit einer sehr kurzen Zeitverzögerung alle Ergebnisse des Forums mitverfolgen konnte. Privat haben sowohl ich als auch ein paar weitere Teilnehmer Facebook genutzt, um zu berichten. Da ging’s richtig zur Sache. Manch Einer hat wohl das komplette Wochenende vor dem PC gesessen und das Forum auf diesem Weg verfolgt und mitdiskutiert…

FRISCHFISCHen: Eine der abschließenden Bemerkungen zum Forum war, dass es eine Fortsetzung geben wird. Was können die Katholiken im Bistum Speyer und auch die Internetnutzer erwarten?

Carsten: Wir haben uns an diesem Wochenende sehr viel Zeit genommen, um jede einzelne der zukünftigen Pfarreien genau anzuschauen. Jetzt, wo die Struktur mehr oder weniger „geklärt“ ist, stehen die inhaltlichen Fragen an: Wie können die neuen Pfarreien lebendig sein – und die „alten“ Gemeinden das weiter am Leben halten, was gut und wertvoll ist? Wie sollen die hauptamtlichen Teams zusammenarbeiten – und wie sieht es mit den Ehrenamtlichen aus? Und und und. Beim nächsten Forum wird es vor allem um diese Fragen gehen.

FRISCHFISCHen:  Abgesehen von dem Zukunftsprozess im Bistum Speyer, welche Möglichkeiten, Chancen und auch Herausforderungen erfährst du als Priester bei der Nutzung von Web 2.0 Diensten?

Carsten: Ich bin schon lange „dabei“ und nutze das Web 2.0 recht intensiv – mit sehr guten Erfahrungen. Gerade in meiner Arbeit mit Jugendlichen halte ich eine Präsenz in den Social Communities für unverzichtbar. Hier komme ich mit jungen Menschen in Kontakt, es werden mir teilweise sehr tiefgehende Fragen gestellt und ich werde um Rat gebeten. Auch das „einfach nur miteinander quatschen“ gehört unbedingt dazu. Es hilft, miteinander in Kontakt zu kommen und ganz unverbindlich zu schauen, ob an diesem „Verein Kirche“ doch was spannendes dran sein könnte…

FRISCHFISCHen:  Seit einigen Jahren bloggst du als „Vaticarsten“ unter dem Motto „unterwegs mit Bibel, Stola und Kaffee“. Wenn du nun im Internet unterwegs bist als Blogger, hast du da eigentlich Angst vor der Anonymität, vor der immer wieder gewarnt wird?

Carsten: Nein. Erstens bin ich nicht anonym – jeder kann herausfinden, mit wem er es da zu tun hat. Zweitens können Menschen, die Kontakt mit mir aufnehmen, selbst wählen, ob sie sich zu erkennen geben wollen oder nicht. Oft ist es eine große Hilfe, nicht gleich ins „Rampenlicht“ treten zu müssen.

FRISCHFISCHen: Abschließend möchten wir dich fragen, welche Plattformen sollte die Katholische Kirche in der Zukunft aus deiner Sicht besser nutzen, wenn es um Seelsorge und Glaubensverkündigung geht?

Carsten: Ganz eindeutig: Facebook. Die sind zwar „böse“, weil sie sehr seltsame und bisweilen auch äußerst vorsichtig zu genießende Datenschutzklauseln und AGB’s haben – aber hier sind mittlerweile fast alle jungen Menschen zu finden. Da muss Kirche einfach präsent sein.

FRISCHFISCHen:Danke für das Interview!


Das Interview führte Stefan Lesting.

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