„Die Kirche ist jung.“ (Benedikt XVI.) Ihre Medien planen die Alten.

von Unbekannt

Ein Zwischenruf.

Die Empörung werde ich nie vergessen. 1973. Unser alter– er war damals keine 50 (!) Jahre alt! – , unser für uns alter Pastor kannte unser Konzept nicht. Und keine Minuten der zwei Monate, in denen wir den Jugendgottesdienst vorbereitet hatten. Fünf Stunden vor Beginn des Jugendgottesdienstes wollte er die Texte sehen! Strich, was ihm nicht passte; unserem Kaplan blieb nur, uns Aufgebrachte zu beruhigen. Zornig klampfte ich das erste Lied. Erste Erfahrungen, was hinter den Kulissen so läuft …

Mittlerweile bin ich ebenso alt wie unser Pastor damals. Und ich muss feststellen: Was ihn zum „alten“ Pastor machte, ist immer noch sehr lebendig. Nur hält er heute das Konzept junger Menschen von Leben mit dem Internet in der Hand – und streicht lustig darin herum.

Wie ihm damals die Discos im Pfarrheimkeller und Ferienlager fremd waren, sind es ihm heute virtuelle Soziale Netzwerke, Communities und ähnliches. Welche Medien-Konzeptionierer der Bischofskonferenz oder einzelner Bistümer , viele davon meine Alters(!)-genossen, leben in Facebook, mySpace, StudiVZ, Twitter, LinkedIn oder anderswo? Müssen sie ja auch nicht. Doch dann dürfen sie auch nicht reinreden, wohin die Web-Reise der Kirche geht. Die jungen, noch engagierten katholischen „Digital Natives“  haben ihre „Jugendmesse“ schon vorbereitet. Sie werden sich nicht von einem Kaplan beruhigen lassen und brav ihren Beitrag spielen, soweit der Pastor von heute es zulässt – (damals waren wir noch so … erinnert Ihr Euch, meine Mit-Alten … ?)

Die grauen alten Pastoren von heute machen in Sachen katholisch.de, Internet-Präsenz und Netzwelt einen Arbeitskreis. Unter sich. Das ist ungefähr so kreativ, als hätte unser Pfarrer damals im  Konveniat, dem Pfarrertreffen, die Jugendmesse vorbereitet.

Was dabei herauskommt? Texte, die sich jugendlich geben, aber nicht jugendlich sind. Nehmen wir ein öffentliches Beispiel. Es ist der Werbetext einer Kirchen-Firma; denn Gesellschafter dieser APG sind alle deutschen Bistümer. Auf deren Homepage heißt es:

„Ähnlich wie Xing.com ein ,Globales Networking für Geschäftsleute‘ ist, so ließe sich auch für das katholische Deutschland eine Kontakt- und Kommunikationsplattform entwickeln, ein Netzwerk für Katholiken, das auflösende Strukturen stabilisieren hilft.“

Mir bleibt die Spucke weg. Das hört sich so an, als würde unser alter Pastor über Jugendgottesdienste schreiben: Sie heben die Frömmigkeit des Jugendlichen, bringen sie zum Beichten und zum Bestellen von Heiligen Messen; die Jugendmessen werden den Wegbruch der Jugend stabilisieren helfen. Punkt. Mehr Horizont ist nicht.

Nein, nein, möchte man rufen, lieber Herr Pastor im Heute:  Internet hilft nicht stabilisieren; Internet bringt in Fluss. Wie die Jugendgottesdienste damals.

Und den Fluss fürchtete der alte Pastor von damals. Und die neuen alten Pastoren fürchten ihn auch. Web 2.0? Diskussion? Kommentarfunktion? Das destabilisiert doch!? –  Ja. Wie damals unsere frechen Sätze im Jugendgottesdienst. (Erinnert Ihr Euch? Seid nicht die, die Ihr damals gefürchtet habt!)

Sicher. Unserem Pastor daheim lag daran, den Glauben zu bewahren. Er wollte auch die Alten nicht verprellen. Am Ende hat er trotzdem viele von uns Jungen (und auch von den Alten) verloren (wofür es bestimmt noch viele andere Gründe gibt als die Striche im Konzept von Jugendgottesdiensten).

Von solcher Art wollte ich nie sein. (Vielleicht bin ich es manchmal doch. Wo? Sagt es mir!) Virtuelle Netzwerke, Konzeption von katholischer Internet-Community, katholische Medienplanung und Sinn für die neue Zeit: Wir Alten (etwa 50-jährigen) müssen einsehen, dass wir nicht wissen, wie die Jungen ticken.

Also, meine Mit-Alten in den Pfarrhäusern kirchlicher Medienplanung: Wer von Online-Community spricht, muss in Online-Communities leben.  Die engagierte junge Generation muss sich selbstbestimmt katholisch vernetzten können dürfen. Und muss uns dabei mitnehmen.

Geben wir ihnen dafür das Geld in die Hand. Die Kirchensteuer für Online-Aktivität darf der alte Pastor nicht im Konveniat (Treffen der Geistlichen in einem Dekanat. – Anmerkung der Redaktion) herumreichen; sie gehört in junge Hände. In neue Schläuche. Für den neuen Wein.

Sonst geht es der Medienstrategie-Planung der Kirche in Deutschland wie unserem Jugendgottesdienst in unserer Stadt damals: Er sollte zwar stattfinden, aber nur nach dem Konzept unseres Pastors. Unser junges Leben damals und das Leben der Jugend in der Stadt spielte in seiner Kirche keine Rolle.

Br. Paulus Terwitte
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    7 thoughts on “„Die Kirche ist jung.“ (Benedikt XVI.) Ihre Medien planen die Alten.

    1. Hochwürden,

      das katholische Internet gibt es doch längst (kath.net, kreuzgang, mykath, katholon.net u.s.w. dazu diverse Blogger)! Die Amtskirche nimmt dies bloß nicht zur Kenntnis.Leider beteilgen sich offizielle Amtsträger nicht einmal an den oft sehr gehaltvollen Diskussionen. Erfahrene Priester könnten oft sicherlich wertvolle Beiträge leisten. Sinnvoll wären auch moderierte Diskussionsforen auf den Bistumsseiten. Aber da kommt leider nichts. Dabei wäre das eine große Chance für die Kirche. Das Kloster mit dem größten Mitgliederzuwachs läßt gerade verlauten, daß die neuen Novizen den Kontakt zuerst über die Webseite hergestellt haben. Will man sich einer offenen Diskussion nicht stellen?

      Mit den besten Segenswünschen, Florian

    2. Wieso „Geld in die Hand“? Geld macht abhängig. Geld kontrolliert. Das geht auch ohne Geld. Genau wie Paulus Terwittes erster Jugendgottesdienst. Die Plattformen sind doch da. Sie ändern sich zwar dauernd, aber warten nur darauf benutzt zu werden. Mitten in der Welt. Unter aller Augen.

    3. Lieber Paulus,

      ich erinnere mich sehr gut an eine protestantische „bleierne Zeit“ im Sommer 1968. In meinen Semesterferien wurde ich als Hospitatin der „Neuen Westfälischen“ in Bielefeld zu dem allerersten Jugendgottesdienst in unserer Region geschickt, um darüber einen Beitrag zu schreiben.
      ich erlebte einen mitreissenden Jazzgottesdienst mit aufrüttelnden Klängen und bemerkenswerten Texten. Was mich begeisterte, beschrieb ich begeistert. Am Montagnachmittag standen plötzlich drei verlegene Jugendliche vor meinem Schreibtisch:“ Wir möchten – äh, nein, wir
      m ü s s e n – Sie um Platz für eine Entschuldigung bitten?“ – „Was ist passiert?“ – „Der Gemeindekirchenrat hat sich beschwert über unseren Gottesdienst – und Ihren Beitrag in der „Neuen Westfälischen“. Solche Jugendgottesdienst mit solch unchristlicher Musik und so respektlosen Texten dürften nicht wieder vorkommen in der Kirche. Für sowas sei der Jazzclub im Bilefelder „Bunker“ da, in einem Gottehaus habe das nicht zu suchen. – Ich habe den Jugendlichen keine einzige Druckzeile für eine duckmäuserische „Entschuldigung“ gegenüber dem Gemeindekirchenrat geschenkt, sie stattdessen eingeladen, über ihre Visionen von „Junger Gemeinde“ in der evangelischen Kirche etwas zu schreiben. Sie trauten sich nicht, wollten sich nicht trauen. Discokeller in Gemeinden, nichtkommerzielle städtische Jugendclubs … etc. gab es Mitte 1968 im pietistisch-protestantischen Ostwestfalen nicht … das galt den Altvorderen als „Teufelszeug“.

      puck

    4. Ach weißt Du. Paulus, man muss doch froh sein, dass die Kirche auch schon mitkriegt, dass es so was wie Internet-Communities überhaupt gibt.

      Die „engagierte junge Generation“ wird nicht fragen, ob sie sich selbstbestimmt vernetzten darf, die sind alle längst in den Communities drin. Sie muss auch niemanden dabei mitnehmen. Euch einloggen müsst Ihr schon selber.

      Das mit der katholischen Community wird sich selbst erledigen, was soll denn daran attraktiv sein? Schließlich kann man sich nur in einer beschränkten Anzahl von Communities regelmäßig herumtreiben. Und da ist facebook und StudiVZ allemal die bessere Wahl. Wer braucht eine Katholiken-unter-sich-Community?

      Und das mit dem Geld – facebook kost‘ nix…
      Wer will denn am Tropf der Kirche hängen??? Am Ende meint noch irgendwer, er könnte sich mal wieder auf der Metaebene einmischen, statt sich einfach einzuklinken und mitzumischen.

      So, no problem, Paulus.
      Don’t bother. Do it.

    5. Kann mich nur anschließen. Toller pointierter Text, musste ich gleich twittern 😉
      Habe jetzt ein bisserl bei dieser Firma geschnuppert, das klingt ja wie eine Kommerzfirma, die unbedingt ein Konzept/Produkt verkaufen will, dass nie und nimmer klappen wird …. Furchtbar zu lesen, dass die die Kirche dahintersteckt. Das sind die EntscheidungsträgerInnen ja wirklich schlecht beraten.

    6. Warum hat eigentlich die Internetseite der deutschen Kapuziner, für deren Medienarbeit Bruder Paulus zuständig ist, keine Kommentarfunktion und keine Diskussionsplattform? Dann wäre der Artikel sogar ein wenig glaubwürdig.

    7. Ich bin begeistert von so viel Weisheit! Genau das müssen wir in der Kirche machen. Gerade in einem Zeitalter wo sich Darstellungsformen schnell ändern. Um die Botschaft Jesu Christi rüberzubringen müssen wir mitgehen. Natürlich die Inhalte nicht verleugnen weil etwas anderes gerade Mode ist, aber immer wieder neue Medien, neue Darstellungsformen finden um immer wieder der neuen Generation das Gute nahezubringen! Ich schließe mich der Meinung von Bruder Paulus ganz an!

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