St. Georg, eine Kirche im Second Life

von Unbekannt

Sonntag, 22.00 Uhr. Komplet, das kirchliche Nachtgebet, in der virtuellen Kirche St. Georg. Ich schaue mich um: Elf Userinnen und User haben sich heute Abend mit ihren Avataren in die 3D-Welt Second Life eingeloggt, um die Komplet mitzubeten. Sie kommen vom Bodensee und vom Niederrhein, aus der Schweiz und aus Nordfriesland. Die beiden jüngsten sind 20, der älteste über 70 Jahre alt. „Sei unser Heil, o Herr, wenn wir wachen, und unser Schutz, wenn wir schlafen, damit wir wachen mit Christus und ruhen in seinem Frieden“ – Wie passen die alte Gebetssprache der Tagzeitenliturgie und die neuen Medien zusammen? Warum setzen sich erwachsene Menschen überhaupt an den Computer, um zu beten?

Ein Pilotprojekt

 

Seit November 2008 ist die Erzdiözese Freiburg – als erstes römisch-katholisches Bistum weltweit – in der virtuellen Online-Welt Second Life (SL) mit einem pastoralen Angebot vertreten. Es ist ein zunächst bis Anfang 2011 befristetes Pilotprojekt, das Chancen und Grenzen eines kirchlichen Engagements in virtuellen Welten („Metaversen“) ausloten soll. Ausgangspunkt war die Arbeitsthese, dass Metaversen im Internet künftig eine größere Rolle spielen und zweidimensionale Webseiten zwar nicht ersetzen, aber ergänzen werden.

Der Hype um Second Life war schon beim Projektstart längst vorbei. Wenn die Medien von dieser 3D-Welt überhaupt noch Notiz nehmen, dann meist in Form von Abgesängen und „SL-ist-tot“-Artikeln. Erst hochgejubelt, dann „totgeschrieben“ – solche Pendelausschläge sind typisch bei der Einführung neuer Technologien; die IT-Forschungs- und Beratungsfirma Gartner hat dieses Phänomen im „Gartner Hype Cycle“ beschrieben.

Virtuelle Welten sollten nicht zu schnell abgeschrieben werden. Denn zum einen schaffen sie über den Avatar eine persönliche Identifikation im Netz; mit der räumlichen Darstellung ist das Ausbalancieren von Nähe und Distanz und damit eine neue Qualität von Kommunikation und Gemeinschaft im Netz möglich. Zum anderen gibt es ja nicht nur Second Life. Das Unternehmen kzero listet zwischen 50 und 100 virtuellen Online-Welten auf. Das Spektrum reicht von Kids-Welten (z.B. Barbieworld von Mattel) über reine Spielwelten (wie das bekannte WoW) über Mirror Worlds, die Städte 1:1 nachbauen (z.B. Twinity der deutschen Firma Metaversum) bis hin zu offenen Plattformen, d.h. zu Welten, die ganz von den Usern gestaltet werden (Second Life).

Die virtuelle Kirche St. Georg

Das Engagement der Erzdiözese Freiburg in Second Life wird von einem sechsköpfigen Team getragen. Außer mir als Projektleiter sind es fünf ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die einen regelmäßigen Online-Präsenzdienst gewährleisten sowie Gottesdienste und Veranstaltungen leiten.

Kernstück der Präsenz der Erzdiözese Freiburg ist die vom Düsseldorfer Illustrator Peter Esser-Künzel gestaltete virtuelle Kirche St. Georg. Sie ist ein Nachbau der zum UNESCO-Welterbe gehörenden romanischen Georgskirche auf der Insel Reichenau im Bodensee. Ganz bewusst haben wir ein 1100 Jahre altes Gotteshaus als Vorbild genommen und keinen modernen Kirchenraum. Wir wollen so die fruchtbare Spannung betonen zwischen der langen Glaubenstradition und den neuen Kommunikationsmedien. Außerdem ist das Gebäude wie die virtuelle Kirche St. Bonifatius in funcity auf den ersten Blick als Gotteshaus zu erkennen, was man nicht von jedem zeitgenössischen Kirchenbau behaupten kann.

In der Kirche treffen wir uns regelmäßig zu (Wort-)Gottesdiensten. Zweimal die Woche beten wir die Komplet, einmal monatlich das „Gebet der Hoffnung“, in dem eigene Gebetsanliegen und Fürbitten vor Gott gebracht werden. Hinzu kommen weitere Wortgottesdienste etwa zu den kirchlichen Hochfesten oder zu besonderen Anlässen (z.B. Gedenken an die Opfer des Amoklaufes in Winnenden). Neben der Kirche bietet ein „Gemeindezentrum“ Platz für Veranstaltungen. Hier finden Seminare der theologischen Erwachsenenbildung ebenso statt wie Bibelkreise oder Glaubensgespräche.

Die Kommunikation geschieht über „voice chat“ (vergleichbar mit Skype) und / oder text chat (Tastatur). Bei Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen sind meist 8 bis 12 Avatare anwesend. Hinzu kommen viele Einzelbegegnungen. Beinahe von Anfang an hat sich eine Art „Kerngemeinde“ gebildet, Personen, die mehr oder weniger regelmäßig kommen und die Community (oder die „virtuelle Gemeinde“) St. Georg bilden.

Ausblick

Für die weitere Projektphase (bis Anfang 2011) sind wir eine Kooperation mit dem Seminar für Religionspädagogik und Mediendidaktik der Goethe-Uni Frankfurt eingegangen. Gemeinsam gestalten wir eine eigene „Region“ in Second Life. Außerdem haben wir uns „Germany in 3D“ angeschlossen, einem Netzwerk deutschsprachiger SL-Projekte. Darüber hinaus vernetzen wir unsere Community durch die Verbindung von 3D-Welt und Web 2.0. Zusätzlich zum Blog haben wir eine Facebook-Seite und einen Twitter-Account (@STGeorgSL) eingerichtet.

Und warum setzen sich nun erwachsene Menschen an den PC, um zu beten? Um diese und ähnliche Fragen geht es bei der wissenschaftlichen Begleitung unseres Projektes durch das Institut für Religionswissenschaft der Uni Heidelberg. Vorerst kann ich die Frage nur für mich beantworten. Ich erlebe bei der Komplet und bei anderen Wortgottesdiensten in SL eine wirkliche Gebetsgemeinschaft. Eine virtuelle Gemeinschaft ist der katholischen Liturgie nicht fremd: Wir feiern Gottesdienst immer „mit allen Engeln und Heiligen“ und verbunden mit allen Gläubigen weltweit. In Second Life erlebe ich eine sehr reale Gebetsgemeinschaft im virtuellen Raum.

Dr. Norbert Kebekus
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    2 thoughts on “St. Georg, eine Kirche im Second Life

    1. Lieber Norbert,
      gut, dass du auch da bist. Weiterhin gutes Gelingen beim real-virtuellen Händefalten.
      Gruß nach Freiburg
      Norbert

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